Aktuell gibt es wieder Beschwerden über das Sammeln von Daten und die Nutzung dieser Daten zum Einspielen von Werbung. Warum mir diese Beschwerden ziemlich unverständlich sind, schreibe ich hier.
Facebook als Stammkneipe
Vergleichen wir doch Facebook mal mit deiner Stammkneipe um die Ecke (oder wenn Dir das lieber ist: mit dem Restaurant, in dem Du jeden Freitag Abend essen gehst).
Warum gehe ich in die Stammkneipe?
Warum gehst Du in die Stammkneipe? Nicht „zum Saufen“, das kannst Du auch zu Hause oder auf ’ner Parkbank. Nein, Du gehst dahin wegen Unterhaltung: Du willst Bekannte treffen, Dich mit anderen Menschen unterhalten, vielleicht auch ’ne Runde Skat oder Darts spielen, Neuigkeiten erfahren und diskutieren, Dich vielleicht auch mitteilen, halt all die Dinge die Dir ein bisschen Erholung vom Alltag und ein bisschen Entspannung bieten.
Dafür geht Du auch ins Facebook: Chatten mit Bekannten, Bilder vom letzten Sonntagsbraten posten, vielleicht eine Runde spielen, schauen wer was seit gestern Neues gepostet hat (und eventuell Deine Kommentare dazu loslassen). Alles Dinge, die Du auch in Deiner Stammkneipe machst, allerdings virtuell am Computer oder Smartphone statt mit echten Menschen von Angesicht zu Angesicht.
Was gibt es in der Stammkneipe?
Na, zunächst einmal die Räumlichkeiten. Dazu die Bestuhlung und eine Theke (oder auch zwei). Dazu gehören auch die Kühlung, Getränke und das ganze Drumherum.
Parallele zum Facebook: hier gibt es die Infrastruktur in Form von Hardware, also alles was mit Servern und Netzwerk zu tun hat. Damit der werte Facebook-„Gast“ sich auch „an den Tresen setzen“ kann, gibt es dann noch das so genannte Front End, also das was der User am Bildschirm sieht und zur Interaktion nutzt.
Der Motor des Ganzen
In der Kneipe ist das Wichtigste natürlich der Wirt: er hält das Ganze am Laufen, kümmert sich drum dass die Gäste ihren Besuch möglichst genießen können. Er stellt die Infrastruktur zur Verfügung, versorgt die Gäste mit den gewünschten Getränken, dient als Seelentröster und Zuhörer, und manchmal hilft er auch beim Knüpfen neuer Kontakte der Gäste untereinander (dazu später ein Beispiel). Das Gedächtnis des Wirts hilft ihm dabei, die Bedürfnisse seiner Gäste zu befriedigen.
Im Facebook ist das die Software, also die Algorithmen, die im Hintergrund arbeiten. Sie nehmen die getippten und geklickten Aktionen der User auf wie der Wirt die Bestellungen der Gäste. Sie verarbeiten diese Aktionen, wie auch der Wirt die Bestellungen nicht nur aufnimmt, sondern danach auch noch das Gewünschte zubereitet und liefert. Das Gedächtnis sind hier die Datenbanken, in denen die verfügbaren Informationen gespeichert werden.
Andere Gäste
Außerdem gibt es in der Kneipe noch die anderen Gäste (hoffe ich für den Wirt, damit der Rubel rollt). Dazu die ganzen Interaktionen zwischen den Gästen und dem Wirt und natürlich die Interaktionen zwischen den Gästen untereinander. Dazu gehören die Gespräche miteinander, vielleicht auch mal gemeinsames Spielen (siehe Darts oder Skat) oder (oft zu fortgeschrittener Stunde) gemeinsames Singen mit Melodien, die so gar nicht zur Hintergrund-Musik passen, auch wenn der Text übereinstimmt.
Im Facebook sind das natürlich die anderen User, die ihre Posts genauso bringen dürfen wie auch ich. Mit ihnen kann ich chatten, ich kann ihre Posts kommentieren oder liken, ich kann eigene Posts veröffentlichen und so weiter. Ich kann mich aus irgendwelchen „Diskussionen“ auch einfach raushalten, wie ich mich auch nur freiwillig an Gesprächen in der Kneipe beteilige.
In der Kneipe können natürlich auch Gäste sein, die ich nicht besonders mag, die mir vielleicht sogar unangenehm sind. Na, die kann ich ja einfach ignorieren. Und wenn sie penetrant versuchen, mich in Gespräche zu verwickeln, sage ich ihnen, sie mögen mich am unteren Ende meiner Wirbelsäule behandeln wie eine Briefmarke. Im schlimmsten Fall kann ich immer noch nach Hause gehen. Oder, wenn diese Gäste nicht nur mich, sondern auch andere Gäste nerven, greift vielleicht sogar der Wirt ein und bittet die Herrschaften, die Gaststätte zu verlassen.
Genau das geht auch im Facebook: Typen die ich nicht mag ignoriere ich. Gehen mir ihre Posts auf die Schnürsenkel kann ich die Typen blockieren. Wenn sie besonders schlimm sind, werden sie von Facebook gesperrt.
Was tut ein guter Wirt?
Natürlich seine Gäste bewirten. Das ist aber natürlich nur die Grundlage. Viel wichtiger ist es, dem Gast ein anheimelndes Gefühl zu geben.
So steht ein guter Wirt zum Beispiel als Gesprächspartner zur Verfügung (natürlich ohne sich aufzudrängen). Er kennt seine Gäste. Wenn Du in Deiner Stammkneipe immer das selbe bestellst, weiß der Wirt das natürlich: Wenn Du reinkommst, wird er Dich vielleicht nicht mehr nach Deinen Wünschen fragen, sondern sagt nur „Wie immer?“ oder „Hallo Paul-August. Ein Stubbi und ein Kümmi?“. Da fühlt man sich doch gleich wie zu Hause (vorausgesetzt, zu Hause gibt es keinen Hausdrachen, der Dir Alkohol verbietet 🙂 ).
Der gute Wirt weiß, dass Du freitags immer mit Egon und Gustav Skat spielst. Das weiß er auch von seinen anderen Stammgästen. Wenn Du jetzt mal freitags kein Skat spielst, weil Gustav krank ist, fällt dem guten Wirt das auf. Er weiß dass Michael am anderen Ende der Theke auch gern Skat spielt, also bringt er Euch zusammen, damit ihr wenn ihr wollt gemeinsam Skat spielen könnt (das war jetzt das Beispiel von oben).
Auch der Facebook Algorithmus kennt Dich natürlich. Er weiß wo du rum scrollst. Er merkt, auf welche Themen Du wie reagierst, bei welchen Inhalten Du kommentierst oder likest, welche Beiträge du als „Interessiert mich nicht“ markierst, welche User Du geblockt hast.
Wenn der gute Wirt weiß dass Du (wie ich) absolut kein Interesse an Fußball hast, wird er Dich nicht ständig mit Fußball-Gesprächen nerven. Und er wird Dich auch kaum zwischen zwei Fans konkurrierender Fußball-Mannschaften kurz nach dem entscheidenden Spiel platzieren. Der gute Wirt wird Dich vielmehr mit Themen unterhalten, für die Du Dich interessierst. Er wird Dich vielleicht sogar mit anderen Gästen zusammenbringen, die die gleichen Interessen mit Dir teilen.
Genau das macht auch der Facebook-Algorithmus. Er schlägt Dir Gruppen vor, deren Inhalte sich mit Deinen Aktivitäten überschneiden. Er schlägt Dir Bekannte vor, die auch Bekannte von Dir bekannten Usern sind. Er zeigt Dir Posts zu Themen, bei denen Du schon positiv reagiert hast (zum Beispiel per Kommentar, durch liken, Ansehen von Video Reels oder sonst irgendwie.
Aktionen außerhalb von Facebook
Wenn Du Deinen Wirt im Supermarkt beim Einkaufen triffst, werdet ihr wohl auch ein paar Worte wechseln: „Machste Einkäufe für’s Sonntagsessen? Was gibt’s denn Feines?“ Oder: „Ich brauch ein neues Handy, mein Altes ist kaputt.“ Der gute Wirt antwortet vielleicht auf die versteckte Frage nach dem Handy: „Schau mal in dem kleinen Laden in der nächsten Strasse, da sind gerade Handies im Angebot“.
Natürlich kannst Du Deinem Wirt sagen: „Ich möchte keine Einkaufstipps von Dir“. Würde mich aber wundern.
Bei Facebook ist das nicht viel anders: Du bist eingeloggt, und in einem anderen Tab suchst Du nach ’nem Handy. Dein Browser speichert das, wenn auch nur kurzfristig, Deine Suche. Beim nächsten Interagieren auf Facebook hat Dein Browser diese Suche immer noch gespeichert, es sei denn Du warst bei Facebook ausgeloggt und hast vor dem Einloggen deine Cookies gelöscht.
Auch bei Facebook kannst Du in Deinen Einstellungen festlegen, dass Du keine personalisierte Werbung sehen möchtest. Tust Du das nicht, schlägt Facebook dir verschiedene Angebote von Handies vor, die Du Dir ansehen kannst oder auch nicht.
Wenn Dein Wirt außer der Kneipe auch noch eine Metzgerei und eine Bäckerei betreibt, weiß er natürlich auch, welches Fleisch Du kaufst, oder welchen Kuchen Du gerne magst. Erfährt das Wissen über Dich zusammen und nutzt es in all seinen Geschäften, um Dir möglichst das anbieten zu können was Du wahrscheinlich gerne magst.
Genau das macht auch Facebook. Facebook ist nun mal keine einzelne Seite auf Deinem heimischen Laptop, sondern ein riesiger, weltweit agierender Konzern, mit weitreichenden Geschäftsverzweigungen und Geschäftsbeziehungen. Und er nutzt alles was Du ihm mitgeteilt hast, egal ob wissentlich oder unwissentlich, egal ob absichtlich oder unabsichtlich.
Das „schwarze Brett“
Vielleicht gibt es in Deiner Stammkneipe eine Pinnwand, wo Du (mit Erlaubnis des Wirtes natürlich) Fotos vom letzten Urlaub oder auch Wohnungsgesuche oder andere „Suche/Biete“-Zettel aushängen kannst. Wenn Du allerdings da was aushängst, musst Du natürlich damit rechnen, dass jeder andere Gast diesen Aushang sieht (ist ja normalerweise auch so gewollt).
So auch bei Facebook: was Du postest kann gesehen werden, und zwar von jedem anderen User. Hier gibt es jetzt einen Unterschied: bei Facebook kannst Du bei jedem einzelnen Beitrag oder Foto festlegen, wer es sehen kann. Wenn Du natürlich vergisst, die Sichtbarkeit einzuschränken, kann es jeder sehen. Daran kannst Du aber nicht anderen, in diesem Fall Facebook, die Schuld geben.
Ein weiterer, daraus resultierender Unterschied ist: Du kannst das Schwarze Brett in der Kneipe nicht als Deinen persönlichen Aktenschrank oder Dein persönliches Fotoalbum nutzen. Durch entsprechende Einstellungen in Facebook geht das aber sehr wohl.
Spiele
In Deiner Stammkneipe gibt es wahrscheinlich, wie in jeder guten Kneipe, so was wie Kartenspiele oder Würfelbecher. Lass Dir so was vom Wirt geben und spiel mit Deinen Kumpels Skat, Mau Mau oder Chicago (oder was auch immer). Der Wirt sieht es wahrscheinlich sehr gerne, wenn dabei um Getränke gespielt wird, kurbelt das doch seinen Umsatz an.
Aber auch Bezahl-Spiele gibt es vielleicht: sei es ein Billard, Kicker oder Dartautomaten (Geldspielautomaten sieht man nur noch selten, wahrscheinlich wegen zu hoher Auflagen bei zu geringen Margen).
Auch bei Facebook hast Du die Möglichkeit zu zocken. Es gibt sowohl interne Spiele (Karten oder Würfelbecher) als auch Verweise auf externe Spieleseiten ( Darts, Billard…). Wie auch in der Kneipe der Wirt ist bei diesen externen Spieleseiten Facebook nicht der wirkliche Anbieter, kassiert aber wahrscheinlich Prozente. Ob und wie Du diese Möglichkeiten nutzt, liegt ganz allein in Deiner Hand.
Wo liegt den nun der Unterschied?
Ganz einfach: der Wirt wird von Dir erwarten, dass Du etwas bei ihm verzehrst und dafür bezahlst. Schließlich muss er von seinen Einnahmen seine Kosten (Pacht, Strom, Einkauf, Steuern, Heizung, Wasser, Mobiliar….) bezahlen. Vielleicht hat er auch noch Personal, das seinen Lohn haben will. Und schließlich will der Wirt ja auch von irgendetwas leben, er schlägt sich nicht aus purer Güte die vielen Stunden um die Ohren.
Bei Facebook verzehrst Du nichts, bist zumindest nicht dazu aufgefordert. All die Dienstleistungen, wie Datenspeicher, Kommunikation, Unterhaltung, Kaufberatung, Marktplatz, Spiele… kosten kein Geld. Das einzige was Du bei Facebook lässt, sind Deine Informationen, die Du ja auch in Deiner Kneipe lässt. In Deiner Kneipe siehst Du das als selbstverständlich an, Du freust Dich sogar darauf, mit Deinem Wirt und Deinen Kumpels die neuesten Fußball-Ergebnisse zu tauschen oder politische Entwicklungen zu diskutieren. Was ist schöner als nach einem langen Arbeitstag ein gemütliches Feierabend-Bierchen am Stammtisch oder der Theke zu nehmen und dabei über Gott und die Welt zu debattieren?
Du kommst wahrscheinlich niemals auf die Idee, Deinen Wirt wegen Verstößen gegen die DSGvO zu verklagen. Schließlich diskutierst Du ja freiwillig mit dem Wirt und seinen anderen Stammgästen, keiner zwingt Dich dorthin zu gehen und Deine Gedanken zu äußern.
Warum siehst Du das bei Facebook anders? Warum bezeichnest Du Facebook als „Datenkrake“ und verlangst, dass die von Dir selbst freigegebenen Daten nicht nur nicht genutzt werden dürfen, sondern sogar gelöscht werden sollen (natürlich nicht gelöscht, denn Du selbst willst ja weiterhin Zugriff auf diese Daten haben)?
Fazit: Facebook ist wie der Wirt in Deiner Stammkneipe, nur weniger kostspielig
Warum Du jetzt also Facebook anklagst wegen Daten sammeln, obwohl Du im die Daten freiwillig und absichtlich gegeben hast, liegt jenseits meiner Vorstellungskraft. Bei Deinem Wirt kämst Du nie auf diesen abwegigen Gedanken.
Warum Du Dich darüber beschwerst, dass „Facebook wahrscheinlich mehr [über Dich] weiß als [Du selbst]“, kann ich beim besten Willen nicht nachvollziehen. Liegt im Übrigen vielleicht an Deinem nur begrenzt speicher-fähigen Gedächtnis (kein Vorwurf, ist bei mir natürlich genau so, liegt in der Natur!!!). Auch Dein Wirt weiß wahrscheinlich mehr über Dich als Du denkst.
Dass (insbesondere, aber nicht nur, deutsche) Gerichte, getrieben von „Datenschützern“, sich mit solchen Fällen beschäftigen müssen, finde ich unangemessen. Zum Einen wird ständig geklagt, die Gerichte seien überlastet, zum Anderen wäre es sehr viel effizienter, den Facebook-Nutzer darauf hinzuweisen, dass wenn er Daten freigegeben hat er diese nun mal freigegeben hat! Und wenn er das nicht will, soll er halt keine Daten freigeben! Was daran so schwer zu verstehen ist, ist für mich nur schwer zu verstehen!
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