Ergänzend zum Artikel http://192.168.2.218/?p=321 hier ein paar weiterführende Gedanken.
Ich höre häufig: „Die Flüchtlinge sind schuld!“, und zwar an allem!
Wer das so behauptet, macht es sich etwas zu einfach: Es gibt viele Aufgaben und viele „Schieflagen“ vor uns, und dafür gibt es vielfältige Gründe. Ich habe weder die Absicht noch die erforderlichen Kenntnisse, all diese Gründe hier zu analysieren. Statt dessen mache ich mir ein paar Gedanken zum Thema Flüchtlinge.
Manche propagieren die Abschiebung aller Ausländer (zuweilen von einer ganz bestimmten Ecke auch als „Remigration“ bezeichnet) und sofortiges Einreiseverbot für weitere Flüchtlinge als DIE Lösung aller Probleme. Das ist natürlich Unsinn:
- Viele Bereiche unserer Gesellschaft, insbesondere (aber nicht nur) die Bereiche Pflege und Medizin, wären ohne die hier arbeitenden ausländischen Fachkräfte nur noch bedingt oder gar nicht mehr arbeitsfähig.
- Natürlich gibt es unter unseren ausländischen Mitbürgern schwarze Schafe. Die gibt es überall, auch unter den so genannten „Bio-Deutschen“ (schon das Wort wäre lächerlich, wenn die rassistischen Folgen solcher Äußerungen nicht so gefährlich wären). Die Mehrheit besteht aber aus friedlichen Menschen, die sich hier ein besseres Leben als in der Heimat versprechen (hier soll nicht beurteilt werden, ob es dabei um Krieg, Verfolgung oder rein wirtschaftliche Interessen geht). Diese Mehrheit ist gewillt, sich den hier herrschenden Gesetzen und Regeln unterzuordnen und ihren Beitrag zu einer funktionierenden Gesellschaft zu leisten.
- Wer ist denn eigentlich ein Flüchtling oder ein Migrant? Das muss denn doch etwas detaillierter betrachtet werden.
Wir alle, oder vielmehr unsere Vorfahren, stammen nach heutigem Wissensstand aus Ost-Afrika: als vor einigen Millionen Jahren sich der Ostafrikanische Grabenbruch öffnete, wurde das Klima östlich davon zunehmend trockener. Die dichte Bewaldung verschwand und machte einer weiten Steppenlandschaft Platz. Um diese Weiten besser überblicken (zum Schutz vor Raubtieren) zu können, erwies sich der aufrechte Gang als vorteilhaft: die Entwicklung des Menschen begann.
Von hier aus begann die Menschheit, in mindestens 2 Wellen über den Nahen Osten in Richtung Europa und weitere Teile der Welt zu wandern (1. Welle: Neandertaler und Verwandte Species, 2. Welle Homo Sapiens). Dabei folgten sie wohl ihren Nahrungsquellen, waren also Wirtschaftsflüchtlinge.
So gesehen sind wir also alle Nachfahren von Wirtschaftsflüchtlingen (siehe „Bio-Deutsche“). Wenn wir also alle Flüchtlinge „remigrieren“ wollen, wird es in Ostafrika ziemlich voll. Ich frage mich, ob das denjenigen klar, ist die so was fordern.
Nun werden eben diese Leute sagen: „Ja so weit zurück natürlich nicht!“. Da frage ich mal frech: ja wie weit zurück denn dann? Bis zu Merkels berühmtem „Wir schaffen das“, also etwa 2015? Oder vielleicht eher bis zurück in die Zeit, nachdem Deutschland im Ausland nach Arbeitskräften gesucht hat („Gastarbeiter“), also irgendwo in die 70er Jahre? Und wer maßt sich das Recht an, eine solche Zeit festzulegen?
Auf die Frage nach der „richtigen“ Zeitspanne gibt es wohl so viele Antworten wie Interessen:
- Frage ich einen Nazi, wünscht er sich vielleicht ein Deutschland in den Grenzen von 1942.
- Frage ich einen „Reichsbürger“, geht es vielleicht ins Wilhelminische Kaiserreich zurück.
- Frage ich in Palästina nach, gibt es mindestens 2 Möglichkeiten:
- Vor 1948, also bevor Israel ausgerufen wurde, um Millionen Menschen jüdischen Glaubens aus aller Welt eine neue Heimat zu geben.
- Noch weiter vor, bevor europäische Staaten im Rahmen der Kolonialisierungen auch diese Gegenden annektierten.
- Frage ich die „Native Americans“, heißt es wahrscheinlich „vor der Ankunft der Europäer“ also etwa 500 Jahre zurück (abgelehnt: dann hätten wir mit Trump zu kämpfen! 🙂 ).
- Gäbe es die Alten Römer noch, würden sie wohl in die Zeit vor den Völkerwanderungen im 4. und 5. nachchristlichen Jahrhundert zurück wollen.
- Die von diesen Römern besiegten Völker gingen wohl lieber ein paar Jahrhunderte weiter zurück, bevor sie ins „Römische Reich“ assimiliert wurden.
- Afrikanische Völker wünschen sich wahrscheinlich zurück in eine Zeit vor der Ausbeutung durch europäische Mächte, also vor der Zeit der Kolonialisierungen.
- Hier könnte aber auch die Zeit vor der Verschleppung von Millionen Menschen als Sklaven in die „Neue Welt“ eine Antwort sein.
- …
Diese Liste kann niemals vollständig sein. Aber sie zeigt uns: Migration gibt es seit es Menschen gibt, wir können sie nicht aufhalten! Und sie wird das Leben der betroffenen Menschen beeinflussen oder sogar grundlegend ändern, sowohl das der Wandernden als auch das derer, in deren „angestammte Heimat“ (gibt es nicht wie wir gerade gelernt haben) eingewandert wird.
Das Einzige was uns bleibt ist, möglichst friedlich und respektvoll miteinander umzugehen, und zwar in beiden Richtungen! Es ist verständlich, dass man das Bekannte (in dem es einem gut ging) so lange wie möglich erhalten möchte. Am Ende wird aber die Aufteilung der Welt, so wie wir in ihr aufgewachsen sind, nicht mehr existieren. Diese „Umordnung“ könnte gerade in der jetzigen Zeit voll im Gange sein:
Die Aufteilung in „Ost“ und „West“ aus dem Kalten Krieg gibt es so nicht mehr. Der Warschauer Pakt ist schon lange Geschichte. Mit D. J. Trump an der Spitze der USA steht die NATO vor einer Umstrukturierung, wenn nicht sogar vor dem Verfall. China wird in der heutigen Zeit immer wichtiger: nicht (wie lange befürchtet) militärisch, sondern vor allem wirtschaftlich. China sichert sich zeitgleich auch großen Einfluss in anderen Teilen der Welt, wie zum Beispiel in Afrika.
In diesem Umfeld ist Europa aufgefordert, sich von den USA unabhängiger zu machen. Allerdings darf Europa dabei nicht in andere Abhängigkeiten rutschen! Die Stärke Europas liegt in den Bereichen Wirtschaft und Wissenschaft, hier sollte es seine Bemühungen um eine größere Rolle in der Welt konzentrieren.
Putins Überfall auf die Ukraine zeigt uns dass auch militärische Konflikte jederzeit auftreten können. Auch die Verteidigung Europas gegen militärische Interventionen muss daher von den USA unabhängiger und insgesamt deutlich gestärkt werden.
Insgesamt sollte sich Europa vielleicht als 3. Pol neben den USA und China etablieren (ein Gedanke, den ich schon als Schüler im Geschichtsunterricht bei Herrn Breitenborn Anfang der 80er Jahre geäußert habe). Dabei sollte Europa durch entsprechende Vereinbarungen mit möglichst vielen Partnern in der ganzen Welt seine Position festigen. Entsprechende Bemühungen sind gerade in Arbeit (MERCOSUR mit Südamerika, Abkommen mit Indien). Meiner Meinung nach sollten hier auch Vereinbarungen mit afrikanischen Partnern getroffen werden, aber nicht als „Gönner“ im Rahmen von Entwicklungshilfe, sondern als gleichberechtigte Partner, die zum gegenseitigen Nutzen ihre Ressourcen und Möglichkeiten gemeinsam und einander ergänzend nutzen.
Auch eine solche „neue Weltordnung“ wird natürlich nicht ewig bestehen. Die Entwicklung wird weitergehen, und Entwicklung bedeutet nun mal Veränderung. Und bei solchen Veränderungen wird es wohl immer Gewinner und Verlierer geben. Uns bleibt nur, die Entwicklung im Rahmen unserer Möglichkeiten so zu beeinflussen, dass wir zu den Gewinnern zählen und die Verlierer nicht all zu schlecht aus der Entwicklung hervorgehen.
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